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Der Hildesheimer Silberfund von 1868

Überlegungen zu seinem Umfeld


Von Markus C. Blaich

Der Hildesheimer Silberfund wurde am 17. Oktober 1868 von Soldaten beim Bau eines Schießstandes entdeckt. Die Fundstelle befindet sich östlich der Stadt am Abhang des Galgenberges. Die Objekte wurden innerhalb weniger Stunden ohne weitere Dokumentation geborgen, auf Karren in die Kaserne des Regiments transportiert und dort in einem Schuppen mit Wasser und Drahtbürsten gereinigt. In den folgenden Tagen wurde das Umfeld der Fundstelle weiter abgegraben. Eine genauere Dokumentation der Fundstelle, aber auch des gesamten Ensembles unterblieb und fehlt bis heute. Erst in den 1980er-Jahren versuchte man, durch Nachmessung die Fundstelle genauer zu lokalisieren. Das Ergebnis blieb aber unbefriedigend.

Der Hort umfasst 77 Gefäße mit einem Gesamtgewicht von über 50 kg. Er ist damit einer der größten Silberhorte, die aus der römischen Zeit bekannt geworden sind. Soweit dies heute noch rekonstruiert werden kann, waren die kleineren Gefäße und Serviceteile sorgfältig ineinander gestellt und so platzsparend in den drei größeren Gefäßen deponiert worden. Die Öffnungen der größeren Gefäße waren mit den Platten und Schüsseln abgedeckt worden, alle Gefäße standen wohl zusammen in einer Holzkiste. Diese war in einer Grube nieder gestellt und vergaben worden.

Gleich mit seiner Aufdeckung begannen die wissenschaftlichen Diskussionen um den Hort: Manche Forscher deuteten ihn als Besitz des Varus – damit war der Ort der Varusschlacht gefunden. Andere wiederum gingen davon aus, dass der Silberfund nur aus germanischem Besitz stammen konnte. Vielleicht war er in einem Heiligtum deponiert worden? Handelt es sich womöglich um den legendären Hort der Nibelungen, oder wurde er während der Sachsenkriege Karls des Großen niedergelegt?

Die jüngsten Untersuchungen der Gefäße konnten zeigen, dass es sich tatsächlich um römische Gefäße aus der Zeit um Christi Geburt handelt. Es konnte ferner bewiesen werden, dass zahlreiche Gefäße in ein und derselben Werkstatt hergestellt worden sind. Auffällig ist die hohe handwerkliche und fertigungstechnische Qualität der Gefäße. Nicht zu beantworten ist die Frage, ob der Hort vollständig auf uns gekommen ist oder ob einige Gefäße schon bei der Niederlegung fehlten.

Bis in die jüngste Zeit lagen über das Umfeld des Hortes keine Informationen vor. Durch einen glücklichen Aktenfund im Archiv des Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim änderte sich diese Lage schlagartig. 1927/28 wurden auf dem Gelände der Ziegelei Temme beim Abbau von Ton mehrere große, etwa 1,50 m tiefe Gruben entdeckt. Diese Fundstelle liegt etwa 500 m Luftlinie vom Fundort des Hortes entfernt!

Eine archäologische Ausgrabung ergab, dass es sich um ehemalige Vorratsgruben, wohl für Getreide, handelt. Nach dem die Vorräte verbraucht worden waren, nutzte man die Gruben zur Müllentsorgung: Zahllose Tierknochen und über 300 Scherben von mehr als 70 Gefäßen fanden sich, hinzu kommen Schlacke, Holzkohle und Reste einer Hauswand aus Lehm. Ein kleiner Spinnwirtel ging vielleicht verloren. Das Leben in dieser Siedlung war bescheiden. Die Keramik entspricht dem Bild, das man von bäuerlichen Siedlungen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. kennt: Neben Vorratstöpfen gibt es auch kleinere Schälchen und Töpfe.

Bemerkenswert sind mehrere Scherben dunkelbrauner Farbe, deren Oberfläche zusätzlich geglättet („poliert“) worden ist: Es handelt sich um Näpfe und Schalen, wie sie in der Zeit um Christi Geburt und im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. üblich waren. Es handelt sich um die jüngsten Funde aus dieser Grabung – und die wichtigsten!

Der Hildesheimer Silberfund wurde in den Jahren um Christi Geburt niedergelegt. Die Bewohner der Siedlung waren, wie die Keramik zeigt, Zeitgenossen, wenn nicht gar Augenzeugen seiner Deponierung!

Die Athenaschale (Dm. m. Henkeln 32,5 cm; Gew. 1,984 kg) als ein Beispiel für die Prunkgefäße aus dem Hildesheimer Silberfund.  

Die Athenaschale (Dm. m. Henkeln 32,5 cm; Gew. 1,984 kg) als ein Beispiel für die Prunkgefäße aus dem Hildesheimer Silberfund.

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