Ochtmissen – das Faustkeilparadies der letzten Eiszeit
Im Winter 1993/1994 wurde beim Autobahnbau nahe Lüneburg eine neandertalerzeitliche Fundstelle entdeckt wurde. In Flussablagerungen bei Ochtmissen im Landkreis Lüneburg förderten die Arbeiter zahlreiche Feuersteinartefakte ans Tageslicht. Erst jetzt konnte das Inventar systematisch analysiert werden. Es zeigt eine außergewöhnliche Zusammensetzung: Der Neandertaler hat dort vor ca. 70.000 Jahren mehr als 40 Faustkeile und Keilmesser hinterlassen. Die Fundstelle belegt zudem, dass der Neandertaler Norddeutschland in Zeiten großer Kälte aufgesucht hat. In dieser Kaltphase galt Deutschland bislang als weitestgehend unbesiedelt.
Wer heute an der Autobahn A39 bei Ochtmissen steht, ahnt nicht, dass die Fahrzeuge direkt über eine ehemalige Fundstelle aus der Zeit des Neandertalers rollen. Während des Fahrbahnbaus 1993 fielen Feuersteinartefakte auf. Umgehend leitete das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege unter winterlichen Bedingungen eine Notgrabung ein. In den folgenden Monaten untersuchten Hartmut Thieme und Pascale Richter auf einer Fläche von 400m2 einen Lagerplatz der Neandertaler und fanden ca. 500 Feuersteinartefakte.
Mit finanzieller Förderung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur konnte nun der Fundplatz erstmals systematisch ausgewertet werden. Während der Ausgräber eine Datierung der Funde in die vorletzte Eiszeit, also vor mehr als 130.000 Jahren, postulierte, kommt die Geologin Jutta Winsemann aus Hannover zu einem anderen Ergebnis: »Die Flussablagerungen mit den sensationellen Funden gehören eindeutig in die letzte Eiszeit. Den Fluss müssen wir uns als ein zopfstromartig verflochtenes Gewässer in einem breiteren Tal vorstellen«. Die zeitliche Einordnung wird durch Datierungen mithilfe der Optisch Stimulierten Lumineszenz-Methode (OSL) bestätigt: Die Ablagerungen haben ein Alter von 70.000–60.000 Jahren und gehören damit in den älteren Abschnitt der letzten Eiszeit (frühes Marines Isotopenstadium 4). Diese Datierungen beweisen zusammen mit Fundstellen wie Lichtenberg und Salzgitter-Lebenstedt, dass Neandertaler sich auch in einer Zeit großer Kälte mit einer weitgehend offenen Landschaft im Norden aufgehalten haben.
Die mit 44 Exemplaren große Zahl von Faustkeilen und Keilmessern ist ein außergewöhnliches Merkmal der Fundstelle: »An keiner anderen Fundstelle in Norddeutschland kommen so viele dieser messerartigen Allzweckgeräte des Neandertalers vor. Die Fundstelle Ochtmissen bezeugt die wichtige Rolle der Flusstäler für die Nutzung der Landschaft durch den Neandertaler«, meint der Erstautor der Studie, Gianpiero Di Maida. Die Analyse erlaubt auch, die technologischen Traditionen in der Steinbearbeitung des Neandertalers in dieser Kaltphase zu untersuchen und Gemeinsamkeiten mit deutschen und niederländischen Funden herauszuarbeiten.
Projektleiter Thomas Terberger zeigt sich erfreut, dass der bedeutende Fundplatz endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und zu einem neuen Image des wenig anerkannten Vorfahren beiträgt: »Der Neandertaler war unglaublich anpassungsfähig und suchte als mobiler Großwildjäger die nordeuropäische Tiefebene unter warm- und kaltzeitlichen Bedingungen immer wieder auf«.
Die Auswertung der Fundstelle erfolgte im Rahmen des Verbundprojektes »Klimawandel und früher Mensch im Norden«. Weitere Informationen zur Ausgrabung von Ochtmissen sowie zu ihrer Bedeutung für die niedersächsische Urgeschichte finden Sie unter www.ccehn.de.
Die Studie ist heute in der internationalen Zeitschrift Boreas erschienen.
Originalveröffentlichung:
G. Di Maida, J. Winsemann, M. Fuchs, N. von Soest, T. Terberger. 2026 A bifacial paradise
The site of Ochtmissen and its lithic assemblage in the context of the last glacial (early MIS 4) in the north Central European lowland. Boreas.
https://doi.org/10.1111/bor.70075
Ansprechpartner
Dr. Gianpiero Di Maida
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Scharnhorststraße 1, D-30175 Hannover
+49 (0)531 1225-5007
Gianpiero.DiMaida@NLD.Niedersachsen.de
Prof. Dr. Thomas Terberger
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Scharnhorststraße 1, 30175 Hannover
und
Georg-August-Universität Göttingen
Seminar für Ur- und Frühgeschichte
Nikolausberger Weg 15, 37073 Göttingen
thomas.terberger@phil.uni-goettingen.de
Prof. Dr. Jutta Winsemann
Leibniz Universität Hannover
Abteilung Geologie
Institut für Erdsystemwissenschaften
Callinstr. 30, D-30167 Hannover
winsemann@geowi.uni-hannover.de
Dr. Tobias Wulf
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
tobias.wulf@nld.niedersachsen.de
An der neandertalerzeitlichen Fundstelle Ochtmissen wurden vor ca. 70.000 Jahren besonders viele Faustkeile von hoher Qualität hergestellt (Foto: Volker Minkus, NLD).
